Prozess gegen Harry S: Tag 2

Es gehört zu den Gesetzmäßigkeiten von Prozessen: die Journalisten sind am Anfang da und am Ende. Der Prozess gegen den Bremer Harry S. in Hamburg ist nicht anders. Während sich die Reporter am Tag der Prozesseröffnung auf den Füßen standen, waren wir am zweiten Tag zu viert. Drei Journalisten und eine Wissenschaftlerin saßen ganz vorne im Zuschauerbereich des Hanseatischen Oberlandesgerichts. Interessant war es trotzdem.

Tourismus dieser Umma
Ausschnitt aus dem Video: „Tourismus dieser Umma“

Harry war in Syrien und dem Irak. Er hat sich dort für einige Zeit dem Islamischen Staat angeschlossen. Im Juli 2015 ist er nach Deutschland zurückgekehrt, im vollen Bewusstsein, dass er hier verhaftet wird. Durch seine direkte Erfahrung im IS hat er sich offenbar von dessen Ideologie entfernt. Wieder zurück in Deutschland hat er den Behörden umfassend über seine Zeit im IS berichtet, insgesamt 700 Seiten soll diese Aussage lang sein. Auch am ersten Verhandlungstag in Hamburg hat Harry mehrere Stunden ausgesagt, hat seine Angaben bei den Behörden im Wesentlichen wiederholt. Er hofft, dass sich sein Verhalten positiv auf seine zu erwartende Strafe auswirken wird.

Am zweiten Tag verliest der Vorsitzende Richter eine Erklärung der Generalbundesanwaltschaft. Harrys Angaben insbesondere zum IS-Video „der Tourismus dieser Umma“ hätten eine hohe Beweisrelevanz. Aktuell liefen gegen mehrere Personen wegen dieses Videos und den darin gezeigten Erschießungen Ermittlungsverfahren. Harrys Aussage werde ein wesentliches Beweismittel sein, sollten die Täter ergriffen werden.

Es ist eine Erklärung, die Harry’s Anwalt Udo Würz als ein positives Zeichen für seinen Mandanten wertet: „Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Generalbundesanwalt auf eine Strafmilderung plädieren wird.“

Harry sieht ziemlich müde aus an diesem zweiten Verhandlungstag. Wer hier einen gehärteten Jihadisten erwartet, wäre überrascht. Er ist noch keine 30 und sieht eigentlich noch einmal deutlich jünger aus. Irgendwann wird das IS-Video „Tourismus dieser Umma“ vorgespielt, in dem Harry als Fahnenträger auftritt. Auch wenn er gut wiederzukennen ist: Harry hat sich in diesem Jahr verändert. Er hat deutlich an Gewicht verloren. Ganz am Anfang fragt sein Anwalt, ob das Gericht Harrys Zugang zu einem Fernseher beschleunigen könnte. Der Fußballfan würde sehr darunter leiden, die EM-Spiele nicht sehen zu können.

Was insgesamt auffällt in diesem Prozess ist, dass es relativ wenige Nachfragen von den Verfahrensbeteiligten gibt. Das Gericht hat offenbar Interesse daran, den Prozess schnell über die Bühne zu bringen. Eine BKA-Beamtin aus Berlin, die Lageberichte über den IS verfasst, darf nach wenigen Minuten wieder gehen. Es ging nur um einige Fußnoten.

Die Vertreter der GBA sprechen am Ende des Prozesstages Harry auf sein Interview mit dem Independent an. Die Zeitung hatte den Text im April veröffentlicht. Rechtsanwalt Würz klärt zunächst darüber auf, dass die Fragen über ihn zu Harry gelangt sind, die dann schriftlich von diesem beantwortet wurden. Nachfragen zum Inhalt des Interviews beantwortet Harry bereitwillig. Sie beziehen sich auf die von ihm beschriebenen Hinrichtungen und Amputationen, die vom IS auf einem zentralen Markplatz in Raqqa durchgeführt wurden. Wann er denn diese Gewalttaten gesehen habe? Während eines Krankenhausaufenthalts und nach seiner Entlassung aus der Spezialeinheit. Wie oft solche Urteile dort vollstreckt würden? Alle zwei Tage. Und warum er sich diese angesehen hätte? Zunächst aus Neugier, nachher aus Zufall und weil die Menschenmassen und der Verkehr ein Fortkommen verhindert haben.

Es sind Fragen, die auf die Gesinnung von Harry zielen. Wenn er solche Aktionen wirklich so widerlich fand, wie er es selbst sagt, warum hat er sie sich mehrfach angesehen. Harry spricht auch über Kindersoldaten, die ihm im Raqqa begegnet sind: 13 jährige mit Gameboy und Kalashnikov. „Ich habe gedacht, wie tief können Menschen sinken, Kinder zu benutzen, für ihre Sache“, sagt Harry.

Harry redet. Das bringt ihn offenbar in Gefahr. Vor einigen Wochen sollte er wieder in die JVA in Bremen verlegt werden. „Zu gefährlich“, befanden die Behörden dann aber. Auch in diesem Gefängnis gibt es Islamisten und die könnten versuchen ihn anzugreifen. Er blieb erst einmal woanders.

Der nächste Verhandlungstag ist morgen (28. Juni). Dann soll Guido Steinberg von der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin aussagen. Steinberg ist seit Jahren in Terror-Prozessen als Gutachter beteiligt. Den Beginn hat das Gericht vorsorglich schon einmal auf 10 Uhr verschoben. Am 5. Juli kommt dann noch ein Kommissar vom LKA in Bremen. Das waren dann alle Zeugen, die gehört werden.

Es ist Tempo drin im Prozess. Vielleicht kommt das Urteil schneller als vorher gedacht. Dann sind bestimmt auch wieder die ganzen Journalisten da.

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