Der IS bedroht Pierre Vogel

In der vergangenen Woche erschien die 14. Ausgabe des IS-Propagandamagazins Dabiq. Darin wurde unter anderem der deutsche Salafisten-Prediger Pierre Vogel auf einem Foto zusammen mit dem jamaikanisch-kanadischen Prediger Bilal Pilips gezeigt. Der dazugehörige Artikel heißt “Kill the Imams of Kufr in the West”.

Bildschirmfoto 2016-04-24 um 11.38.52

Darin wird argumentiert, dass Menschen, die sich selbst als Muslime bezeichnen, aber Unglaube begehen, keine Muslime sein, sondern Apostaten. Und zwar, weil sie ihren Unglauben nicht im verborgenen begehen, sondern ihn offen zur Schau stellen. Insbesondere äußere sich dieser Unglaube darin, dass sich jemand in eine Allianz mit den Ungläubigen gegen die Muslime begibt. Die Strafe dafür sei der Tod, sollte sich die Person vor seiner „Festnahme“ nicht wieder zum “eigentlichen” Islam bekennen. Der Text enthält eine relative lange theologische Ausführung dazu. In seinem Schluss kommt der Autor/die Autoren zu der Aufforderung, aktiv zu werden:

One must either take the journey to dār al-Islām, joining the ranks of the mujāhidīn therein, or wage jihād by himself with the resources available to him (knives, guns, explosives, etc.) to kill the crusaders and other disbelievers and apostates, including the imāms of kufr, to make an example of them, as all of them are valid – rather, obligatory – targets according to the Sharī’ah, except for those who openly repent from kufr before they are apprehended. –Dabiq 14 (S. 17)

[meine Hervorhebungen]

Der Artikel enthält also zum einen die Aufforderung zur Ausreise nach Syrien – in den “Islamischen Staat” – oder alternativ dazu Anschläge im Westen durchzuführen. Zu den genannten Zielen gehören auch die “Imame des Unglaubens”. Durch die Abbildung auf einem Foto in diesem Kontext wird klar, dass Pierre Vogel hier als Ziel definiert wird.

Einen Tag später doppelten die deutschen Anhänger des Islamischen Staats nach. In einem Video “Die Wahrheit über Pierre Vogel“ wird dieser erneut als Apostat bezeichnet. Die Argumentation folgt dabei der aus dem Dabiq-Artikel. Vogel hat zum einen Gewalt, wie die Anschläge von Brüssel öffentlich verurteilt und in der Vergangenheit gesagt, er würde Personen, die Anschläge planen im Notfall auch an die Behörden melden. Beide Aussagen werden mit Video-Ausschnitten von Vogel belegt.

Es blieb nicht bei den Drohungen gegen Vogel. Bereits in “Die Wahrheit über Vogel” gab es außerdem eine allgemeine Anschlagsaufforderung von Abu Muhammad al-Adnani (dem „Sprecher“ des Islamischen Staats) und Bildern einer Enthauptung. Damit schloss die Drohung gegen Vogel hier auch eine Drohung gegen Deutschland allgemein ein. Kurz darauf veröffentlichte Furat Media einen neuen vorher nicht bekannten Nasheed von Denis Cuspert (DesoDogg/Abu Talha al-Almani). Das Audiofile wurde mit einem Still-Bild der Enthauptungsszene aus “Die Wahrheit über Pierre Vogel” begleitet. Das neue Nasheed “Auf zum Schlachten” enthält ebenfalls unmissverständliche Anschlagsaufforderungen:

[…] Schnappt euch eine Geisel, schlachtet sie fisibillah […]
[…] Terror auf dem Boden der Hunde das befiehlt Allah […]
[…] Schlachte einen Kafir wirst du nach Jannah gehen,
nehme ihn als Geisel, du bist so nah am Ziel,
schlachte für Allah,
vergieße Blut und das sehr viel.
Europa neues Schlachtfeld holt euch euren Lohn,
werdet Shuhada, die Huris warten schon.
Tötet Polizisten oder Murtadin
Paris, New York und Moskau,
Bomben in Berlin […]
„Auf zum Schlachten“ – Denis Cuspert.

Es gibt allerdings keinen Hinweis darauf, dass es nach der Todesmeldung im Oktober entstanden ist. Es ist daher kein Beleg dafür, dass er noch lebt. Allerdings gibt es Hinweise dafür, dass Cuspert damals überlebt hat, wenn auch schwer verletzt (siehe auch Erasmus-Monitor). Der Mangel an Märtyrer-Ikonisierung oder zumindest eine öffentliche Mitteilung – die es bei den falschen Berichten über seinen Tod in der Vergangenheit teilweise gegeben hat – unterstreichen diesen Umstand. Vielleicht ist auch Hinweis, dass Cuspert weiterhin auf diversen Sanktionslisten auftaucht.

Allerdings passen sich „Die Wahrheit über Pierre Vogel“ und „Auf zum Schlachten“ in einer verstärkte Werbung des IS für Anschläge in Deutschland ein.

Pierre Vogel hat sich zu der Bedrohung mehrfach auf seiner Facebook-Seite geäußert (beziehungsweise sein Social Media Team). Exemplarisch herausgegriffen das „Interview“, das Jürgen Todenhöfer mit ihm dazu gemacht hat: Vogel präsentiert sich darin als Alternative zum IS. Deswegen werde er bedroht. Die Jihadisten sagten, die Missionierung (Dawa) bringe nichts und es müsse endlich etwas getan werden, weil die Muslime überall unterdrückt würden. Vogel kritisiert den IS u.a. für die Anschläge in Paris und Brüssel, die den Muslimen nichts bringen würden, und die Übertreibung des Takfirs. Außerdem glaubt Vogel im Gegensatz zum IS, dass in einem islamischen Staat alle Religionen leben können, nicht nur Muslime, Christen und Juden. Grundsätzlich grenzt er sich hier vom IS ab und fordert auch seine Anhänger dazu auf Anschläge zu verhindern.

Damit hat Vogel (erneut) seine Position unterstrichen. Allerdings gehört zur Realität auch, dass sein alter Kumpel Sven Lau gerade wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland angeklagt wurde und der Bundesgerichtshof seine Haftbeschwerde abgelehnt hat.

Inzwischen geht es in der Diskussion zwischen Vogel und den IS-Anhängern um den Hadith, mit dem Vogel seine Position begründet hat.

Claudia Dantschke verdanken wir übrigens die Erkenntnis, dass die IS-Drohung gegen Vogel bei den deutschen al-Qaida/Jabhat al-Nusra Anhängern nicht sehr gut ankommt. Tatsächlich verteidigen sie ihn. Solche Konflikte sind nicht wirklich ungewöhnlich, schließlich bekämpfen sich die beiden Gruppen in Syrien und die deutschen Jihadisten versuchen schon einmal einander die Anhänger abzuwerben. Dieser Konflikt ließ sich in der Vergangenheit auch online/auf Twitter beobachten und findet nun meist auf Telegram statt.

[Edits nach Hinweis, merci Claudia].

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