Bruderkrieg unter Jihadisten

Es ist schon eine etwas seltsame Situation. Da warnen die Taliban den Islamischen Staat davor in Afghanistan eine zweite Aufstandsbewegung zu starten. Strategisch gibt es wenig, das Uneinigkeit zwischen den zwei Organisationen vermuten ließe. Beide kämpfen gegen den Westen und seine Verbündeten und müssten sich grundsätzlich nicht über den Weg laufen, die einen sind in Afghanistan zu hause, die anderen in der Levante.

(CC BY 2.0) Brian.ch
Quelle: Brian.ch (CC BY 2.0)

Nun haben aber die Taliban einen Brief an den Führer des Islamischen Staats (IS) Abu Bakr al-Baghdadi geschickt. In dem sagen sie, der Jihad gegen den Westen (in Afghanistan) müsse unter einer Flagge und einer Führerschaft gekämpft werden. Andernfalls sei das Islamische Emirat (die Taliban) gezwungen, zu reagieren. Der IS breitet sich in Afghanistan aus und offenbar fürchten die Taliban-Führer Rekruten an die Konkurrenz zu verlieren.

Was in diesem Konflikt noch einmal sehr deutlich wird: der Islamische Staat hat eine große Anziehungskraft auf Islamisten weltweit. Verschiedene Organisationen in Afrika (Boko Harm) und dem Mittleren Osten (Ansar Bayt al-Maqdis) haben sich angeschlossen und der Einfluss reicht bis Südostasien. Das ist ein bekanntes Bild. Abu Musab al-Zaqawi, Anführer der IS-Vorläuferorganisation, unterstellte seine Truppe auch erst nachträglich Usama bin Ladin.

Die neuen IS-Filialen geraten überall in Konflikt mit den traditionellen Kräften: in Syrien bekämpfen sich der örtliche Ableger von al-Qaida (Jabhat al-Nusra) und der IS genauso, wie in Libyen. Selbst in Afghanistan, wo die Taliban anscheinend versuchen eine Übereinkunft mit dem IS zu erreichen, soll es bereits zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen sein und gerade erst haben IS-Anhänger dort offenbar einen Überläufer geköpft. Auch im Yemen gibt es Hinweise auf einen Konflikt zwischen Anhängern von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel und des IS.

Am offensichtlichsten ist der Kampf Islamist gegen Islamist in Syrien. Wer sich die Twitter-Accounts von Unterstützern der beiden Parteien anschaut, dem wird auffallen, wie viel Zeit sie darauf verwenden, die jeweils andere Seite zu attackieren. Diese verbalen Angriffe spiegeln die Lage vor Ort wieder. In einem ausführlichen Artikel haben Journalisten des Guardian beschrieben, wie der Islamische Staat bisher als Sieger aus diesem Kampf hervorgegangen ist und al-Qaida (AQ) damit an den Rand des Untergangs gebracht hat.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 malten einige Analysten das Bild einer weltweiten Jihadbewegung – eines „Global Jihad Movements“. Diese Behauptung war schon damals ziemlich falsch. Die islamistische Bewegung war und ist vielfältig. Gruppen sind militant oder friedlich, manche bewegen sich in diesem Spektrum und manchmal greifen die Anhänger einer Gruppe auch zu den Waffen, ohne dass ihre Anführer dies befohlen hätten. Zwar teilen sich verschiedene Organisationen Versatzstücke der gleichen Ideologie, das bedeutet allerdings nicht, dass sie die gleichen taktischen oder strategischen Ziele anstreben. Tatsächlich war es nach dem 11. September teil der amerikanischen Strategie diese Konflikte zu betonen und wo möglich zu fördern, um den Einfluss von al-Qaida zu verringern.

Martha Crenshaw (eine renommierte Terrorismus-Forscherin an der Universität von Stanford) hat solche Entwicklungen vor einigen Monaten im Atlantic noch einmal aus Sicht der aktuellen Forschung dargestellt. Danach hängen Taktik und Ziel einer Organisation von einer ganzen Reihe von Faktoren ab: Erwartungen über die weitere Entwicklung eines Konflikts, Konkurrenz um Ressourcen (Rekruten, Geld, Waffen), Generationswechsel in der Führung und das Dissertieren von Anhängern können die Ausrichtung einer Gruppen beeinflussen. Die Attraktivität von Erfolg sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden. Um das zu verstehen, müssen wir uns eigentlich nur unseren Kleingartenverein, das Strassenfestorganisationskommittee oder politische Parteien im Westen anschauen. Wir kennen die meisten Prozesse aus diesem Umfeld und es sollte uns nicht überraschen, sie auch hier wieder zu finden.

Genau diese Faktoren lassen sich bei AQ und dem IS beobachten. Der oben zitiere Guardian-Artikel stellt den Kampf um Spenden dar und erklärt auch, wie der Übergang der Führung von AQ von Usama bin Ladin auf Ayman al-Zawahri die Abspaltung des IS begünstigte.

Die Ursachen sind also klar. Die Folge ist laut der Literatur mehr Gewalt. Die Gruppen begeben sich in einen Prozess, in dem sie versuchen sich gegenseitig mit Gewalt zu überbieten („Outbidding“) und diese besser zu vermarkten. So sind auch die Gräuel des IS zu verstehen. Die Organisation veröffentlicht Videos mit hoher Schock- und Produktionsqualität. Natürlich sollen damit potentielle Gegner abgeschreckt werden, aber es geht auch darum neue Kämpfer anzuziehen. Zu dieser Werbung gehört sicherlich auch die Innovation bei Selbstmordattentaten (gepanzerte Fahrzeuge für Selbstmordanschläge) und Videos, die das Gesundheitssystem beschreiben. Die Message wird immer wieder betont: wir sind die härtesten, wie sind die skrupellosesten und gut leben könnt ihr hier auch noch (mit Familie oder Sexsklavinnen). Der Erfolg dieser Propaganda ist offensichtlich. Nicht umsonst schließen sich die meisten ausländischen Kämpfer dem IS an.

Der Konkurrenzkampf erhöht vermutlich auch die Motivation für Anschläge außerhalb der unmittelbaren Krisengebiete. Die internationale Führungsrolle muss betont werden. Unabhängig davon, ob die Anschläge von Paris aktiv von AQ und dem IS befohlen wurden, oder diese durch die ständige Propaganda für Anschläge im Westen motiviert wurden, ist die Message des IS klar:

„In Frankreich folgten Taten, die deutschen Schläfer warten. Brüder operieren, terrorisieren die Kuffar, der Krieg hat erst begonnen […] Laster voll mit Sprengstoff, liebevoller Abschied, Mutter sei nicht traurig, der Sohn rast zu Allah […] Der Nachbar ist ein Kaffir, beleidigt den Gesandten, nimmt ein großes Messer und gibt ihm [was er verdient] […] auch wenn du in Europa bist, mache dein Jihad“, singt Denis Cuspert (Abu Talha al-Almani) in einem neusten Nasheed aus dem April. Dazu wurden Bilder von den Vorbereitungen zu einem Selbstmordanschlag und von den Attentaten von Frankreich eingeblendet.

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2 Kommentare

  1. […] Mitsicherheit hat sich diese Woche mit zwei Themen beschäftigt. Zunächst ging es um die Frage, ob der Anschlag von Charleston als Terrorismus definiert werden sollte – klar, als was denn sonst. Im zweiten Artikel ging es um die Ausbreitung des Islamischen Staats. Die Organisation kämpft zunehmend mit alteingesessenen Jihadgruppen: “Bruderkrieg unter Jihadisten“ […]

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