Charleston-Shooting: Terrorismus oder Hate Crime?

Am Donnerstag hat ein Mann in Charleston, South Carolina, neun Personen in einer von Schwarzen besuchten Kirche ermordet. Als mutmaßlicher Täter wurde der 20-jährige Dylann Storm R. festgenommen.

Source: Public Domain
Source: Public Domain

Viele Medien sprachen in einer ersten Reaktion von einem „Hate Crime“. Das hat in den sozialen Medien erneut zu einer Diskussion darüber geführt, in welchen Fällen in der Öffentlichkeit eine solche Tat als Terrorismus bezeichnet wird und in welchen nicht – die Frage ist richtig gestellt. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass dieselbe Tat eines Muslims sofort als Terrorismus gewertet worden wäre.

Die Debatte war bereits von einigen Monaten aktuell, als in Chapel Hill, North Carolina, drei muslimische Studenten erschossen wurden. Die Behörden nannten damals den Streit um Parkplätze als Grund für die Morde. Der Täter hatte allerdings ebenfalls Streit mit den meisten anderen Anwohnern, trotzdem erschoss er ausschließlich Muslime.

Die Mehrheitsgesellschaft in den USA (und wohl auch in Europa) scheint sich also schwer damit zu tun, Angriffe auf Minderheiten im eigenen Land in die gleiche Kategorie zu packen, wie Angriffe von Minderheiten auf die Gesamtgesellschaft.

Für den US-Kontext sollte man für diese Diskussion verstehen, dass es den Begriff „Hate Crime“ schon recht lange gibt und Bürgerrechtler darum gekämpft haben, um eben Angriffe, die durch den Hass auf spezifische Gruppen (Minderheiten) motiviert werden, besonders zu ächten.

Für Taten, wie den Anschlag von Charleston, sollte „Hate Crime“ durch Terrorismus abgelöst werden.

Terrorismus ist ein aufgeladener Begriff und es gibt keine einheitliche Definition. Für mich ist Terrorismus eine Form von (potentiell) tödlicher Gewalt, die von nichtstaatlichen Akteuren ausgeführt wird, um politische Ziele zu erreichen. Das ist nicht perfekt, aber hilft, eine Arbeitsgrundlage zu schaffen. „Hate Crimes“ sind motiviert durch den Hass auf eine spezifische Gruppe (u.a. religiöse, ethnisch, sexuell).

Während Rassismus (Gruppenhass allgemein) allein existieren kann, gibt es aber auch eine bindende Ideologie, die Ziele und Aktionsformen definiert. Es existiert Literatur und eine Ideengeschichte, die zu Gewalt gegen diese Gruppen aufrufen. Organisationen und Einzelpersonen handeln auf der Grundlage dieser Ideologie. Rassismus ist also politisch. Außerdem: Das Konzept der „Leaderless Restistance“ wird unter Neonazis vermutlich schon länger propagiert, als unter Jihadisten.

Es gibt im aktuellen Fall Hinweise auf eine ideologische Motivation. Auf Twitter kursieren Bilder des Mannes. Auf der Jacke, die er trägt sind Abzeichen von ehemaligen Apartheits-Regimen in Afrika angebracht. Das ist dünn, aber lässt Vermutungen über die Motive der Tat zu (abgesehen davon, dass es sich um einen Angriff eines Weißen auf eine Gruppe von Schwarzen handelt). [Edit: Angeblich hat er zu seinen Opfern gesagt: „You rape our women and you’re taking over our country“. I rest my case].

Angriffe wie dieser Unterscheiden sich daher kaum von „Lone Wolf“- Anschlägen durch Jihadisten. Ja, es gibt Organisationen, wie al-Qaida und den Islamischen Staat, die prominent in den Medien vertreten sind und zu solchen Anschlägen aufrufen. Meistens übernehmen sie nachher auch die Verantwortung dafür. Das ändert aber nichts daran, dass sie nicht selten kaum Kontrolle über ihre Anhänger haben. Stattdessen werden diese durch die allgemeine Propaganda motiviert (durch Magazine wie Dabiq oder Inspire) und dadurch sind die Attentate (oder Attentatspläne) eben fast deckungsgleich mit den Morden von Charleston. Die Ideologie ordnet in beiden Fällen die Taten in einen breiteren (teilweise virtuellen) Konflikt.

Es ist daher angemessener im Fall von Charleston von Terrorismus zu sprechen. Der Begriff beschreibt in der Form, wie er allgemein verwendet wird, die Tragweite besser. Wird er weiterhin Parallel zu „Hate Crime“ verwendet, ergibt sich leicht eine Dualität von Opfern, die in Kategorien sortiert werden, was Einfluss hat auf die Bewertung. Terrorismus beobachten wir alle, ein solches „Hate Crime“ ist dann „nur“ ein Mord. Größere gesellschaftliche Entwicklungen werden so leicht übersehen.

Kurz: Rassismus ist politisch, politische Morde die einem weiteren ideologischen Kontext stehen sind Terrorismus.

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