Die Snowden-Debatte: Greenwald vs. Boot

Edward Snowden hat einen Artikel für die New York Times geschrieben. Die Debatte über seine Rolle hat das erneut angeheizt.

Quelle: Trevor Paglen
Quelle: Trevor Paglen

Die New York Times hat am Sonntag ihre Meinungsspalte für Edward Snowden geöffnet. Seine Enthüllungen haben dazu geführt, dass sich die Welt langsam aber sicher gegen die Massenüberwachung durch Geheimdienste richtet, schreibt Snowden dort.

Es gibt eine laufende Debatte über Snowden, von der wir in Deutschland wenig mitbekommen. Hier steht die Mainstream-Meinung weitgehend fest: Snowden ist ein Held, er hat die Welt über die Massenüberwachung der amerikanischen Dienste informiert und uns alle gegenüber dieser Politik aufgeweckt. Nur die eingefleischtesten Transatlantiker äußern öffentlich eine andere Meinung: Snowden ist ein Verräter.

Diese Haltung ist allerdings in den USA weniger ungewöhnlich. Max Boot ist ein Vertreter des (neo?) konservativen Amerikas. Der Militärhistoriker hat 2013 ein Buch über Guerillakriege veröffentlicht. Er hat auf den Snowden-Artikel reagiert. Unter der Überschrift „Des Verräters Triumph“ („The Traitor’s Triumph“) kritisiert er auf der Webseite des konservativen „Commentary“  die Entscheidung der NYT scharf. Für ihn steht Snowden in einer Linie mit denen, die die amerikanischen Geheimdienste gegenüber der Sowjetunion und Japan während des zweiten Weltkriegs verraten haben.

Für Boot ist die Eindämmung des NSA-Überwachung kein Grund zum feiern. „Denn die NSA ist unsere Frontlinienverteidigung im Krieg gegen den Terroristen“, schreibt Boot [interessant, wie solche Formulierung auf Deutsch gleich martialischer klingen]. Besonders heuchlerisch ist für Boot der Meinungsartikel vor allem deshalb, weil er keine Kritik an den russischen Überwachungsbefugnissen enthalte (Snowden hält sich in Russland auf, um amerikanischer Strafverfolgung zu entgehen).

Da gibt es nur ein Problem: tatsächlich kommt eine solche Kritik vor, auch wenn nur in einem Satz. Snowdens Vertrauter, der Journalist Glenn Greenwald, schlägt dann auf der Webseite seines eigenen Magazins („The Intercept“) genau in diese Kerbe und bezichtigt Boot der Lüge (und verbindet das mit zahlreichen persönlichen Angriffen). Daraus entspinnt sich eine breite Diskussion, die zwischen den beiden auch auf Twitter geführt wird.

Inzwischen gibt es auch eine längere Antwort von Max Boot auf den Angriff Greenwalds (hier). Er geht auf die Aussage ein, Snowden sei besonders mutig und couragiert gewesen, als er die NSA-Geheimnisse stahl und veröffentlichte – wenn Snowden so couragiert sei, wieso sitze er nun in Moskau und stelle sich nicht unabhängigen Gerichten, fragt Boot. Er sei von einem kleinen Regierungsangestellten zu einer weltweiten Berühmtheit geworden und genieße ein luxuriöses Exil zusammen mit seiner Freundin.

Kritik von Snowden an Russland – die Greenwald nachweist – bezeichnet Boot als lächerlich. Dabei würde vor allem die USA mit Russland verglichen, wobei Russland viel zu gut wegkäme. „There is no comparison between the brutal dictatorship that Putin created and the liberal democracy of which Barack Obama is the elected leader.“

Ich finde diese Debatte hochspannend. Warum? Weil, sie aufzeigt, dass außerhalb der beinahe universell geteilten Meinung in Deutschland eine breitere intellektuelle Diskussion existiert – unabhängig davon, wo ich mich in dieser Debatte positionieren würden.

Massenüberwachung, der Eingriff in die Privatsphäre, was ist öffentliche Sicherheit und was bedroht sie – das sind Themen, über die wir debattieren müssen und zwar ohne in institutionalisiertes Theater zu verfallen. In den USA wird die Diskussion im öffentlichen Raum geführt, zwischen den Vertretern der Zivilgesellschaft. Die Regierung ist dabei nur ein Teilnehmer. In Deutschland kann man langsam zu dem Eindruck kommen, der Diskussionsversuch beschränkt sich auf Tilo Jung, der in der Bundespressekonferenz Regierungssprecher Steffen Seibert quält (Link).

Edward Snowden selbst ist für mich ein Symptom einer neuen Zeit. Boot vergleicht in seinen Artikel mit Kim Philby und Aldrich Ames – berühmte sowjetische Spione. Da versucht einer das Jetzt in die Vergangenheit zu projetzieren. Snowden ist kein Überläufer im klassischen Sinn. Er ist hat ja keine Geheimnisse über das Atomprogramm der USA an eine fremde Macht weitergegeben. Stattdessen hat er etwas öffentlich gemacht, was die Menschen insgesamt betrifft – einen massenhaften Eingriff in ihre Privatsphäre. Nur: das ist natürlich nicht zu entkoppeln davon, dass er damit auch den direkten Gegnern seines Landes Hinweise darauf gegeben hat, wie sie sich im Cyberspace und anderswo gegen die USA wehren können. Damit fällt er im Diskurs in einen seltsamen Ort.

Beide Seiten versuchten ihn und seine Rolle in historische Erklärungsmuster zu pressen. Für die einen ist er ein Überläufer, für die anderen einer, der Widerstand gegen eine übergriffige Regierung leistet. Beides trifft es nicht genau, finde ich.

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