Warum ihr den Nazi-Film „Jud Süß“ sehen solltet

Der Film „Jud Süß“ ist berühmt, trotzdem hat ihn fast niemand gesehen. Der Grund: er ist ein anti-semitisches Propaganda-Werk, das 1940 in Deutschland gedreht wurde. Die Besatzungsmächte verboten den Film nach 1945 und bis heute ist der Zugang offiziell beschränkt. Der Regisseur Veit Harlan wurde unter anderem für „Jud Süß“ wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, allerdings freigesprochen.

In Deutschland wird der Film gelegentlich im Rahmen von Projekten und Veranstaltungen gezeigt – immer zu einem offiziellen Anlass, der ihn in seinen geschichtlichen Zusammenhang stellt. Im Internet sind dieser und andere nationalsozialistische Propagandafilme allerdings frei verfügbar.

Ich wäre bisher nicht auf den Gedanken gekommen, diese Filme zu schauen. Aber vergangene Woche konnte ich beim New Yorker Film Forum an einer Vorführung teilnehmen, das war schon etwas Besonderes.

Ich bin wie die meisten anderen Deutschen tief gegen die Ideologie des klassischen Nationalsozialismus geimpft (über die rechtsextremen Einstellungsmuster in der Mitte der Gesellschaft veröffentlicht die Friedrich-Ebert-Stiftung seit einigen Jahren einflussreiche Studien). Viele haben gelernt, rechtsextreme Propaganda zu erkennen – auch wenn das ein ständiger Prozess ist – und ablehnend auf entsprechende Inhalte zu reagieren. Die meisten gehen deswegen bewusst Veranstaltungen aus dem Weg, bei denen sie mit diesen in Kontakt kommen können. Daher war die Veranstaltung beim Film Forum New York eine Art Grenzerfahrung: Kann ich fast 100 Minuten einen Film schauen, der dazu gemacht wurde den Mord an Millionen von Juden zu rechtfertigen und popkulturell zu flankieren?

Die kurze Antwort: ja ich kann. Die erschreckende Erkenntnis: in Deutschland wurden einmal sehr gute Filme gemacht. Das ist etwas, was tief verstört. „Jud Süß“ ist vom technischen und erzählerischen Standpunkt aus hervorragend. Die Hinrichtungsszene am Ende des Films sticht hervor, weitere starke Momente sind über den gesamten Film verteilt. Der Inhalt ist allerdings eine Kollage aller Versatzstücke des Antisemitismus.

Die Synopse: der neue Herrscher von Württemberg hat geltungssüchtige Wünsche, die ihm sein Volk, vertreten durch die Landstände – eine Art Parlament – nicht erfüllen will. Der Jude Joseph Süß Oppenheimer leiht ihm Geld und treibt ihn in Schulden. Er übernimmt die Finanzmacht im Staat, erzwingt die Aufhebung des Judenbanns in Stuttgart und versucht die Landstände durch einen Militärputsch zu entmachten, um eine absolute Herrschaft zu errichten. Natürlich scheitert er am Ende, weil sich die guten Bürger gegen ihn und den Herzog erheben.

Juden in „Jud Süß“ sind satanische, hinterhältige, wuchernde, vergewaltigende Koboldmänner mit seltsamen Bärten und Kaftanen, die die Menschen mit ihrem Geld verführen. Die Warnung des Films: Auch wenn die Juden wie Joseph Oppenheimer in feiner Kleidung und rasiert daherkommen, ihr Ziel bleibt die Weltherrschaft. Zu diesem Zwecke säen sie Zwietracht unter den guten Menschen.

Das ganze ist absolut widerlich.

Im New Yorker Film Forum wurde die Vorführung von der deutschen Dokumentation „Forbidden Films“ flankiert. „Forbidden Films“ diskutiert die Frage, ob Filme wie „Jud Süss“ überhaupt gezeigt werden sollten, und wenn ja in welcher Form. Er stellt dem Zuschauer außerdem eine ganze Reihe von anderen Propagandafilmen aus dem Dritten Reich vor, von denen ich ebenfalls noch nichts gehört hatte und die andere Themen haben. Sie sind Anti-Britisch, Anti-Französisch, Anti-Polnisch oder schlicht kriegsverherrlichend (u.a. „Stuka“, „Heimkehr“).

„Forbidden Films“ lässt die Antwort auf die Frage weitgehend offen. Die Dokumentation zeigt Vorführungen von „Jud Süß“ in Deutschland, Frankreich und Israel. Die meisten Diskussionen nach dem Film scheinen zu dem Schluss zu kommen, dass er gezeigt werden sollte. Allerdings nur im Kontext einer ähnlichen Veranstaltung. Ein Mann in Israel meint, der Film sollte verboten sein, weil er ein Nazisymbol ist. Aber auch hier ist die Meinung nicht einvernehmlich.

In Deutschland kommt im nächsten Jahr die Freigabe des Copyrights von „Mein Kampf“ auf uns zu. Danach kann jeder das Buch verkaufen – natürlich kommt man bereits heute heran, eine kurze Suche online genügt. Das Problem ist recht ähnlich strukturiert, wie bei „Jud Süß“ und die Diskussion folgt deshalb auch ähnlichen Mustern.

Häufig lautet das Argument: „Wir wissen bereits, dass diese Filme/dieses Buch einen schlechten/negativen Inhalt transportieren, wir müssen diesen ja nicht noch verbreiten. Außerdem wirkt diese Propaganda vielleicht auf Jugendliche, die an der Schwelle zum Neonazismus stehen und könnte sie zu Nazis machen.“

Ich bin ausdrücklich anderer Meinung. Ich glaube, dass wir uns mit den Bildern und Inhalten der rechtsextremen Ideologie direkt auseinandersetzen müssen. Andernfalls verkommt unsere Ablehnung zu einem hohlen Glaubensbekenntnis ohne inhaltliche Tiefe. „Jud Süß“ ist in seinem Antisemitismus in keiner Weise subtil. Er ist offensichtlich und „auf die Nase“. Joseph Oppenheimer ist der „Super-Böse“. Gleichzeitig ist der Film allerdings auch geschickt gemacht, denn er lenkt durch die Handlung und Darstellung die Sympathie auf die „braven“ Deutschen und den Hass auf die „widerwärtigen“ Juden.

Wenn man sich dem bewusst wird, erkennt man, wie Propaganda funktioniert (der eine oder andere Hollywood-Film ist danach nicht mehr der gleiche). Das ist eine wichtige Lektion und sie hilft, die eindimensionalen Muster im rechtsextremen Gedankengut aufzudecken.

Jugendlichen sehen diese Filme sowieso, wenn sie wollen. Das ist nicht das Problem. Ein Verbot steigert eher noch den Reiz. Stattdessen muss die Schulbildung sie entsprechend vorbereiten. Ein angemessener Geschichtsunterricht, der allen – auch Haupt- und Realschülern – einen differenzierten Blick auf das Dritte Reich vermittelt, ist viel wichtiger, als das löcherige Verbot der Nazi-Propagandaprodukte. Solche Verbote dienen vor allem als Feigenblatt. Wir tendieren dazu, Dinge zu verbieten, die uns nicht gefallen, statt uns damit auseinanderzusetzen. Ein gelebter aktiver und intellektuell starker Antifaschismus sieht anders aus. Dann doch lieber ins Licht zerren und auseinandernehmen, dafür plädiert der Historiker Götz Aly am Ende von „Forbidden Films“. Er hat Recht.

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