Mehr Anschläge im Mumbai-Stil?

In den vergangenen Monaten haben wir viel von Terroranschlägen im „Stil von Mumbai“ gehört. Angreifer könnten mir Automatischen Waffen und Granaten große Menschenmassen attackieren. Der Vorteil aus Sicht der Angreifer: Waffen sind leichter zu bekommen und zumindest theoretisch auch leichter einzusetzen, als Sprengstoff für die traditionellen Bomben.

Ich habe selbst darüber im Weser-Kurier geschrieben (hier geht es zum Artikel). Zuletzt hat sich der Kollege Markus Wehner für die Frankfurter Allgemeine Zeitung damit auseinandergesetzt – er nähert sich dem Thema aus einer anderen Perspektive, als ich („Terroristen steigen auf Sturmgewehre um“) und bringt den Sachverhalt auf den Punkt: „Selbst Waffen, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen, sind auf dem Schwarzmarkt nicht sehr teuer: Eine Kalaschnikow ist für rund 500 Euro zu haben, eine Maschinenpistole kostet etwa die Hälfte“, schreibt Wehner. Das Zollkriminalamt habe 2014 95 Kriegswaffen beschlagnahmt.

Tatsächlich geht es nicht unbedingt um die Änderung der Taktik, wie ich im Januar postuliert habe. Durch die Verfügbarkeit dieser Waffen, die entsprechend Propaganda durch terroristische Organisationen und den Demonstrationseffekt entsteht eine gefährliche Mischung. Es ist deshalb vielleicht auch kein Wunder, dass diese Art von Attacken in den letzten Jahren offenbar zugenommen hat.

Hier eine Liste von entsprechenden Anschlägen (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Mumbai

Zwischen dem 27. und 29. November 2008 griff eine Gruppe von Männern aus Pakistan mehrere Ziele in der indischen Stadt Mumbai an. Dabei wurden mindestens 174 Menschen getötet und 239 verletzt.

  • Fort Hood

Major Nidal Hassan erschoss am 5. November 2009 auf dem amerikanischen Militärstützpunkt Ford Hood 13 Menschen. Er hatte zuvor Kontakt mit Anwar al-Awlaki im Jemen.

  • Frankfurt

Am 2. März 2011 erschoss Arid Uka zwei amerikanische Soldaten vor dem Frankfurter Flughafen, zwei weitere Militärangehörige wurden schwer verletzt.

  •  Toulouse/Montauban

Zwischen dem 11. und 19. März 2012 schoss Mohamed Merah von einem Motorrad aus auf Soldaten und Zivilisten vor einer jüdischen Schule. Es gab sechs Todesopfer.

  •  Nairobi

Zwischen dem 21. und 24. September 2013 griffen mutmaßliche Mitglieder der Organisation al-Shabaab das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi an. Bei dem Anschlag und der anschließenden Geiselname wurden vermutlich 63 Menschen getötet und rund 300 verletzt.

  •  Brüssel

Bei einem Angriff auf das belgische jüdische Museum kamen am 24. Mai 2014 vier Menschen ums Leben. Ein Franzose mit Verbindungen zum Islamischen Staat (IS) wurde als Attentäter festgenommen.

  •  Ottawa

Am 22. Oktober 2014 griff Michael Zehaf-Bibeau das kanadische Parlament an. Er erschoss einen Soldaten auf Ehrenwache vor dem Canadian National War Museum, bevor er selbst getötet wurde.

  •  Paris

Zwischen dem 7. und 9. Januar 2015 wurden bei einer Anschlagsserie in und um Paris insgesamt 17 Menschen getötet. Die Angriffe richteten sich gegen die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo, einen koscheren Supermarkt und die Polizei.

  •  Kopenhagen

Bei einer Serie von Anschlägen am 14. und 15. Februar 2015 erschoss Omar Abdel Hamid El-Hussein den dänischen Dokumentarfilmer Finn Nørgaard und den Wachmann einer Synagoge.

  •  Tunis

Drei Männern griffen am 18. März 2015 das Bardo National Museum in Tunis an und nahmen Geiseln. 22 Menschen starben, mindestens 30 wurden verletzt. Der Islamische Staat (IS) bekannte sich später zu dem Anschlag.

Eigentlich ist diese Art von Angriffen so ungewöhnlich nicht. Sie wirkt im Kontext des Jihadismus vielleicht relativ neu* und scheint offenbar zuzunehmen, aber eigentlich gehört sie schon lange zum Repertoire von gewaltbereiten politischen Gruppen:

Zwar verübte der NSU mutmaßlich auch Bombenanschläge, die Morde beging sie allerdings mit Pistolen.

Am 5. August 2012 erschoss Wade Michael Page sechs Besucher eines Shik Tempels in Oak Tree, Wisconsin, USA. Page war ein Anhänger der rechtsradikalen White Supremacists.

Mitglieder der RAF erschossen am 7. April 1977 in Karlsruhe den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback.

Diese Art von Taktik ist also keinesfalls auf jihadistische Gruppen beschränkt.

Ich habe mir ausserdem die Zahlen der Global Terrorism Database angesehen, die Terroranschläge weltweit zählt und katalogisiert. Die Daten sind etwas unsauber und schwer zu interpretieren. Wenn wir allerdings nur Nordamerika und Westeuropa auswerten, dann lässt sich ein Anstieg von Angriffen mit Schusswaffen erkennen. Dieser begann allerdings bereits 2005. Die Daten offenbaren auch, dass deren Anzahl in den 1990er Jahren viel höher lag als heute (es handelt sich dabei vor allem um Anschläge im Rahmen das Nordirland-Konflikts). Um den von mir vermuteten Demonstrationseffekt zu belegen, müsste ich zumindest die Daten der islamistischen Gruppen isolieren. Und auch dann ist der Beleg schwierig, da sich terroristische Gruppen Taktiken ideologieübergreifend abschauen (ein Projekt für demnächst).

In jedem Fall hat sich das Bundesinnenministerium vorgenommen, Einheiten der Bundespolizei über Deutschland zu verteilen, die extra für ähnliche Anschläge ausgebildet und ausgerüstet sind. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert vor allem die normale Bereitschaftspolizei besser auszustatten. Die GdP hat vermutlich Recht. Die Streifenbeamten sind die ersten am Einsatzort, ihnen muss die vorrangige Aufmerksamkeit gelten.

 

*Brian Jenkins hat 2013 in einem Bericht an den Ausschuss für Homeland Security des US-Congress einige Anschläge aufgezählt, die ebenfalls ins islamistische Spektrum fallen, aber vor 2008 passierten.

Bild: QuartierLatin1968 (CC BY 2.5)

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