Die Rückkehr der Syrien-Kämpfer

Ein Szenario: Der Krieg in der Levante wird enden. „Foreign Fighters“ dort sind Jihadisten, aber auch Kurden, Shiiten, einige Motorradrocker und inzwischen auch ehemalige US-Soldaten, die christliche Milizen ausbilden.

Der Elefant im Raum: Wenn der Krieg in Syrien und dem Irak endet – und ich zweifele nicht daran, dass er das in absehbarer Zeit tun wird – dann werden viele Mitglieder dieser Gruppen nach Europa und Nordamerika zurückkehren. Was bisher noch recht erfolgreich verdrängt wird, ist dass wir eine Demobilisierungskampagne für diese ehemaligen Kämpfer brauchen.

Viele von ihnen haben mehrere Jahre gekämpft. Sie pauschal zu kriminalisieren, wird die damit verbundenen Probleme nicht lösen, sondern sie im schlimmsten Fall vergrößern. Diese jungen Männer* haben vor allem gelernt in einer (Bürger-)Kriegssituation zu agieren, wenn wir sie zusammen mit Kampfgefährten und gewöhnlichen Kriminellen in Gefängnisse sperren, werden sie schnell einen Weg finden, ihre Fähigkeiten für ein politisches Ziel einzusetzen oder zu Geld zu machen.

Politische Ziele können der Kampf gegen andere Gruppen sein – besonders eben die, die man bereits aus dem Krieg kennt. Die Ausschreitungen auf dem Steindamm in Hamburg zwischen Salafisten und Kurden im vergangenen Jahr haben bewiesen, dass Konflikte sich oft nicht auf das eigentliche Konfliktgebiet beschränken (der Mord an Litwinenko in London ist übrigens ein Beispiel, das mal nichts mit Syrien zu tun hat). Wenn diese Konflikte zukünftig von Menschen ausgetragen werden, die in einem Kriegsgebiet eine Ausbildung an Waffen und Sprengstoff genossen haben, steigt das Gewaltpotential beträchtlich an.

Darüberhinaus wird es nach dem Ende eines Kriegs in der Levante für jihadistische Ideologen und Gruppen sehr einfach, das Bild vom Westen als Feind auszubauen.

Der Westen muss sich darüber bewusst sein, dass wir einen großen Teil des syrischen Volks allein gelassen haben in seinem Kampf gegen das Assad-Regime. Für viele Muslime (Sunniten) hat der Westen vor allem einmal mehr Muslime allein gelassen. Wir müssen diese Meinung nicht teilen, aber anerkennen, dass es Menschen gibt, die darin einen weiteren Beweis dafür sehen, dass der Westen das Leben von Muslimen als unwichtig betrachtet. Das gilt insbesondere dann, wenn sich die Kooperation des Westens mit dem Assad-Regime gegen den Islamischen Staat vertiefen sollte. Es gibt verschiedene Artikel und Meinungsstücke von Personen, die der amerikanischen Regierung zumindest nahe stehen und für genau diese Strategie immer wieder werben – es liegt nahe, dass dies bereits aktive Politik ist.

In einem möglichen Narrativ sieht das dann so aus: Der Westen hat nicht gegen Assad unternommen, während dieser Muslime (Sunniten) abschlachtete. Als die anfingen sich zu wehren, hat man sich mit Assad verbündet. So wird der Westen ein legitimes Angriffsziel. Zugegeben: der Islamische Staat brauchte eine solche Rechtfertigung nicht, um Angriffe auf den Westen zu propagieren, aber die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich genug Anhänger finden, die diesem Argument folgen. Die Propaganda passt zur Realität.

Woher wir wissen, dass dieser Narrativ so aussehen wird? Weil es nach dem Krieg in Bosnien so ähnlich war – und hier stand die Konstruktion auf noch wackeligeren Beinen, schließlich hat die NATO das Morden an den bosnischen Muslimen beendet.

Das alles ist ein Szenario, eine mögliche Entwicklung, die nicht so kommen muss. Aber es ist möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich. Wir müssen uns heute schon Gedanken darüber machen wie wir damit umgehen.

Was also tun: Auch wenn es kontraintuitiv erscheint, Strafen für ehemalige Kämpfer sollten zur Bewährung ausgesetzt werden. Ja, das Töten in diesen Konflikten wiederspricht unserer zivilen Gesellschaftssicht, gehört aber zur Natur des Kriegs. Es gibt Menschen, die sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben und die diese Chance nicht verdienen, allen anderen würde ich die Gelegenheit geben, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Der Staat sollte sie dabei mit Ausbildung und Beratung unterstützen. Natürlich müssen die Sicherheitsbehörden sie überwachen und bei Verletzung ihrer Auflagen ist die Bewährung aufzuheben. Trotz anderer Beispiele wissen wir, dass wenn dann nur ein kleiner Teil der Kämpfer aus Syrien Anschläge im Westen planen wird.

Die Reintegration ist aber auch eine Aufgabe der Zivilgesellschaft. Viele Deutsche werden versuchen das Problem abzuschieben – das sind keine Leute von uns, das sind „Fremde“, Muslime. Nur: auch die Jihadisten in Libyen sind „von uns“. Sie sind hier geboren, aufgewachsen und in einem Teil unsere Gesellschaft sozialisiert. Das viele von uns keinen Zugang zu diesem Teil unserer Gesellschaft haben, bedeutet nicht, dass er kein Teil davon ist. Die meisten Menschen haben auch keinen Zugang zur Welt der Hochfinanz, erkennen diesen aber trotzdem als Teil der Gesellschaft an.

Man kann das Argument auch drehen: die meisten dieser (Möchtegern-) Jihadisten sind deutsche Staatsbürger – egal, ob sie das so sehen. Sie sind unser Problem, egal ob wir wollen oder nicht – let’s deal with it.

*Ich habe hier bewusst die Frauen ignoriert. Ihre Rolle ist wichtig, aber anders.

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4 Kommentare

  1. Was meiner Meinung nach hier fehlt ist der Umstand, dass ein beträchtlicher Teil dieser Rückkehrer auch in irgendeiner Form an PTSD leiden werden. Wie auch aus anderen Konflikten bekannt, dürfte dies die Reintegration nicht gerade erleichtern, gar das Abgleiten in die Kriminalität bzw. ein Randdasein erleichtern.

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