NSU und offene Enden

Schon wieder ist jemand gestorben, der möglicherweise zur Aufklärung des Mordes an der Polizistin Michele Kiesewetter hätte beitragen können. Die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrund wird immer mysteriöser und das obwohl sich inzwischen zahlreiche Untersuchungsausschüsse in verschiedenen Bundesländern und im Bundestag mit dem Fall beschäftigt haben, bzw. beschäftigen (in Hessen und Baden-Württemberg). In München steht das einzige NSU-Mitglied Beate Zschäpe und drei mutmaßliche Helfer vor Gericht.

Ich hatte gerade endlich Zeit, mich durch das Buch „Heimatschutz“ von Dirk Laabs und Stefan Aust zu arbeiten. Die umfangreiche und detaillierte Darstellung des NSU und seiner Morde erschlägt den Leser geradezu mit Fakten, lässt aber gleichzeitig einige Fragen unbeantwortet. Das lässt sich kaum vermeiden, denn tatsächlich gibt es zahllose offene Enden in dieser Geschichte und das liegt unter anderem an der Blockadehaltung einiger Sicherheitsbehörden. Leider liefert das Buch von Laabs und Aust keine angemessene Abschlussbetrachtung, die noch einmal zusammenfassen würde, wo weiterhin Aufklärungsbedarf besteht. Gleichzeitig hat man das Gefühl, dass die Autoren an einigen Stellen mehr Wissen, als sie schreiben oder zumindest etwas vermuten. Diese Vermutungen hätte ich gerne gelesen.

Die zwei Hauptbruchpunkte sind der Mord an Halit Yozgat in Kassel und der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter, um den es jetzt auch im Ausschuss in Baden-Württemberg geht.

 

  1. Der Verfassungsschutzmann

Ein Mitarbeiter des Hessischen Landesamts für Verfassungsschutz war zum Zeitpunkt des Mordes in Kassel vor Ort und hat sich bei der Polizei und auch vor Gericht in massive Widersprüche verwickelt. Laabs und Aust scheinen nahezulegen, dass dieser Mann in eine für das LfV Hessen wichtige Aktion verwickelt war – unabhängig von dem Mord. Dabei könnte es sich um eine Operation im Neonazi-Umfeld gehandelt haben, allerdings betonen die Autoren mehrfach, dass der Verfassungsschutzmitarbeiter Arabisch gelernt hätte und auch in Islamisten-Szene aktiv war. Eine Frage ist zum Beispiel, ob das LfV Hessen hier die Aufklärung eines Mordfalls beeinträchtigt, um eine andere Operation zu decken.

 

  1. Die ermordete Polizistin

Der Fall der Polizistin Kiesewetter ist extrem komplex, es gibt zahlreiche Querverbindungen nach Thüringen und in der Darstellung in „Heimatschutz“ entsteht der Eindruck, dass am Tag des Mordes eine großangelegte Polizeiaktion lief, von der nachher keine mehr etwas wissen wollte. Ich fand die Information sehr spannend, dass Kiesewetter Mitglied einer Spezialeinheit war, die sich u.a. mit Organisierter Kriminalität beschäftigt hat. Dann gab es in ihrem Umfeld offenbar etliche Kollegen, die ein großes privates Interesse am Ku Klux Klan hatten. Es gibt außerdem Hinweise auf eine zweite geheime Neonazigruppe, eine „Neoschutzstaffel“, die mit dem Mord an Kiesewetter in Verbindung gebracht wird. Offenbar unbeachtet blieben auch weitere Spuren rund um den Mord in Heilbronn, so haben zum Beispiel mehrere Zeugen blutverschmierte Männer in der Nähe des Tatorts beobachtet.

Es gibt also noch ziemlich viele offene Fragen im NSU-Fall. Wenig verwunderlich, dass einige Mitglieder des Bundestagsuntersuchungsausschusses inzwischen gefordert haben, es müsse eine zweite Untersuchung geben.

Spannend ist das Buch von Laabs und Aust vor allem übrigens auch deshalb, weil man sehr viel über die Arbeit der Sicherheitsbehörden erfährt und wie in der Vergangenheit mit V-Leuten umgegangen wurde. Offenbar war das Verhältnis nicht zwischen allen Geheimdienstlern und V-Männern unproblematisch. Teilweise wurde anscheinend aktiv weggeschaut, wenn ein Informant Verbrechen beging. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Geschichte des Informanten Jean Claude Lacote, über den der SWR berichtet hat und dessen Rekrutierung durch das Zollkriminalamt in die gleiche Zeit fällt, wie die von etlichen Spitzeln in der Neonaziszene – gab es da vielleicht eine geteilte Kultur in den Sicherheitsbehörden?

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