Wirkt die Propaganda des Islamischen Staats?

Nach den Anschlägen auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo in Paris im Januar hat es nun also in Kopenhagen gekracht.

Am Samstag griff ein bewaffneter Mann zunächst eine Veranstaltung zur Meinungsfreiheit an, bei der auch der Karikaturist Lars Vilks anwesend war. Vilks wird von Islamisten bedroht, weil er 2007 eine Mohammed-Karikatur veröffentlicht hatte. Der Attentäter erschoss in der Nacht einen Wachmann vor einer Synagoge und wurde später während einer Schießerei mit der Polizei getötet.

Die dänische Polizei geht offenbar davon aus, dass sich der junge Mann, der bisher vor allem als Krimineller aufgefallen war, die Attentäter von Paris zum Vorbild genommen hat und allgemein von jihadistischer Propaganda beeinflusst gewesen war (Newsweek).

Das weist auf zwei beunruhigende Entwicklungen hin. Erstens wirken solche Anschläge als Vorbild für potentielle Attentäter – dass der Demonstrationseffekt auch hier wirkt, ist nicht überraschend. Wir kennen ihn von Selbstmördern („Werther-Effekt“), aber auch von der Verbreitung terroristischer Taktiken, wie zum Beispiel Selbstmordattentaten oder eben Kommando-Aktionen (nach dem Vorbild der Anschläge von Mumbai 2008). (Siehe mein Artikel im Weser-Kurier vom 17.01.2015)

Zweitens scheint die jihadistische Propaganda des Islamischen Staats nicht ohne Wirkung zu bleiben. Ein ursächlicher Zusammenhang ist aus der Ferne schwer herzustellen (wurde der Attentäter von Kopenhagen direkt durch die IS-Propaganda inspiriert?), aber es gibt eine gewisse Korrelation. Seit Jahren schon fordern al-Qaida und insbesondere al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel mit ihrem Magazin Ispire, Anhänger im Westen dazu auf, Anschläge zu verüben. Dafür bräuchte es keine komplizierte Bombe, ein Auto oder eine Schusswaffe seien genug.

Der IS hat mit dieser Propaganda gleichgezogen. Das Magazin Dabiq ist nach dem Vorbild von Inspire entstanden. Es ist hochwertig auf Englisch produziert (es existieren auch schlechte deutsche Übersetzungen) und richtet sich also direkt an ein Publikum, das nicht unbedingt Arabisch spricht.

„The Good Example of Abu Basir Al-Afriqi“ – „Das gute Beispiel Abu Basir Al-Afriqi“ heißt ein Artikel in der gerade erschienen siebten Ausgabe von Dabiq. Abu Basir al-Afriqi ist Amedy Coulibaly, der dritte Attentäter von Paris. Amedy tötete mehrere Menschen in einem koscheren Supermarkt und eine Polizistin. Der Autor des Dabiq-Artikels stellt Coulibaly als einen religiösen Menschen dar, der andere zum Glauben führte, sich an (religiösen) Beweisen orientierte, fastete, nach Wissen strebte usw. Der Artikel ist mit Fotos von Coulibaly in seiner Kampfausrüstung und beim Beten bebildert. Die Message ist klar: er ist ein tief religiöser Mann, der den Propheten gerächt hat – ein Vorbild.

Im Vorwort zur sechsten Ausgabe nehmen die Autoren Bezug auf den Anschlag von Sydney:

„Man Haron Monis, a Muslim who resolved to join the mujāhidīn of the Islamic State in their war against the crusader coalition[…] by acting alone and striking the kuffār [Ungläubige, JR] where it would hurt them most – in their own lands and on the very streets that they presumptively walk in safety. It didn’t take much; he got hold of a gun and stormed a café taking everyone inside hostage. Yet in doing so, he prompted mass panic, brought terror to the entire nation, and triggered an evacuation of parts of Sydney’s central business district. The blessings in his efforts were apparent from the very outset.“ [Hervorhebung durch mich]

Aber warum will der IS überhaupt den Westen angreifen? Bei al-Qaida war die Frage einfach zu beantworten. In der strategischen Überlegung sollte der Rückzug des Westens aus dem Nahen Osten und Nordafrika den Weg für Revolutionen gegen die „ungläubigen“ Regierungen der Region frei machen. Der IS richtet sich gegen „die Kreuzzügler“, Staaten, die an der Koalition gegen die Organisation teilnehmen. Allerdings ist das nicht alles, schließlich fordert die Propaganda vor allem Angriffe auf Islamkritiker und auch jüdische Gemeinden gehören zur Zielliste.

Eine weiterführende Antwort liefert Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Der Führer des IS Abu Bakr al-Baghdadi wolle Usama bin Ladin beerben. „Um dies zu schaffen müsste er aber mindestens einen weltweit aufsehenerregenden Anschlag im Westen verüben“, zitierte der Spiegel im September 2014 den Islamwissenschaftler (Spiegel). Der IS scheint massiv daran zu arbeiten und zunehmend erfolgreich zu sein.

Steinberg warnte 2010, dass die terroristische Gefahr in Zukunft vor allem von Mitgliedern der salafistischen Bewegung ausgehen werde. Er hat auch in diesem Fall Recht behalten.

Foto: Kim Bach

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Ein Kommentar

  1. […] Zunächst einmal ähnelt dieser Angriff stark den Attentaten auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebd… Der Trend von Anschlägen mit Schusswaffen setzt sich fort. Speziell wird dieser Angriff allerdings dadurch, dass die angegriffene Veranstaltung von Pamela Geller ausgerichtet wurde. Bei dem Event ging es ausschließlich um Zeichnungen von Mohammed-Karikaturen – von einer Veranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit zu sprechen, wie das einige Medien getan haben, ist deshalb nicht falsch, greift aber etwas kurz. […]

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