Ignorieren Medien die Morde von Chapel Hill?

Am Dienstagnachmittag hat ein 46-jähriger Mann in Chapel Hill im US-Bundesstaat North Carolina drei Studenten erschossen. Die Polizei hat den Mann verhaftet.

Während die Hintergründe der Tat derzeit noch unklar sind, gibt es bereits massive Kritik an der Berichterstattung der Medien.

Die Berichterstattung blieb nämlich entweder ganz aus oder fand bisher wenig prominent statt. Die Kritiker glauben zu wissen, woran das liegt. Der mutmaßliche Täter ist ein weißer Mann, die Opfer drei junge Muslime. Wären die Rollen vertauscht, hätten die Medien direkt eine breite und umfassende Berichterstattung begonnen, vermuten die Kritiker, die ihren Unmut unter dem Hashtag #ChapelHillShooting über Twitter verbreiten (derzeit liegt der Hashtag weltweit ganz vorne). Sie werfen den Medien außerdem vor, verschwiegen zu haben, dass die Opfer Muslime seien.

Mein Studienkollege Jack Moore, der inzwischen für Newsweek arbeitet, hat seine Beobachtung wie folgt zusammengefasst:

Die deutschen Medien sind in der letzten Stunde eingestiegen (vielleicht haben einige Kollegen die Bestätigung der Agenturen abgewartet – die wären dann allerdings sehr langsam gewesen)

Die Berichterstattung über Anschläge von Muslimen wird oft größer gefahren. Die Geschichten sind leicht zu erklären und passen in inzwischen antrainierte Erklärungsmuster. Dahinter stecken nicht unbedingt böse Absicht, sondern Rollenzuordnungen und Vorurteile – was die Sache in keinem Fall besser macht.

In diesem Fall gibt es eindeutig Indizien dafür, dass es sich um ein islamfeindliches Attentat handeln könnte. Der verhaftete Mann hat sich online religionsfeindlich geäußert und sich selbst als Atheist bezeichnet. Die Opfer sind Muslime. Das Fehlen eines Bekennerschreibens oder eines entsprechenden Videos ist bei rechtsinspirierten Anschlägen nicht unbedingt ungewöhnlich (das Bekennervideo des Nationalsozialistische Untergrunds wurde auch erst nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt veröffentlich). Die Attentäter glauben meist, dass ihre Taten für sich selbst sprechen und keiner Einordnung bedürfen.

Oft ist der Vorwurf an Sicherheitsbehörden und Medien im Zusammenhang mit solchen Taten, dass sie den politischen Antrieb ignorieren und einen „neutralen“ Grund, wie einen Streit oder ungezielte Gewalt annehmen. Ein Vorwurf, der oft stimmt. Es ist schon bezeichnend, dass Fox-News inzwischen zwar berichtet, aber von einem „Hatecrime“ spricht. Ich gehe fest davon aus, dass zumindest über Terrorismus diskutiert würde, wären die Rollen vertauscht.

Ein Argument für Unterschiede in der Einordnung ist, dass aktuelle Anschläge von radikalen Muslimen zu einer losen Kampagne von Organisationen, wie dem Islamischen Staat oder al-Qaida gehörten. Zu solchen Anschlägen würde immer wieder in deren Magazinen (zB Inspire) aufgerufen. Es bedürfe deshalb keiner direkten Bindung an eine dieser Gruppen, damit solche Anschläge Terrorismus seien.

Nur ignoriert diese Argumentation, dass es in rechten Kreisen genug Propaganda gibt, die zu Anschlägen auf „Andere“ (und Autoritäten, wie den Staat) aufruft. Sie argumentiert auch, dass der Erfinder des Konzepts „Leaderless Resistance“, das zu autonomen Aktionen aufruft, Louis Beam war. Beam war Mitglied des Ku Klux Klan und anderen rechtsextremen Organisationen.

Bevor allerdings die Motive des Täters in Chapel Hill feststehen, sollten wir vorerst auf Zuschreibungen verzichten. Buzzfeed berichtet inzwischen der Grund könnte auch eine Auseinandersetzung um einen Parkplatz gewesen sein.

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2 Kommentare

  1. […] Die Frage der ideologischen und religiösen Zuordnung spielt in der Diskussion solcher Taten oft eine Rolle. Sehr schnell bezeichnen wir Anschlägen und Attentaten von Muslimen als Terrorismus, ordnen sie einer breiteren Auseinandersetzung zu, die für viele ihren Ursprung am 11. September 2001 hat. Auf der anderen Seite werden Morde, wie der an drei Muslimen in Chapel Hill, North Carolina, Anfang … […]

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