Syrien-Rückkehrer: Mehr als ein Sicherheitsproblem

Die Jungs und Mädels vom Verfassungsschutz in Bayern gelten in Branchenkreisen als besonders verschwiegen. Deswegen ist es jedes Mal ganz interessant, wenn das Landesamt seinen Halbjahresbericht raushaut.

 

Free Syrian Army fighters swear to the Qur'an, to fight against

Dadurch haben wir auch zwischendurch einen Überblick, was in Bayern so geht (oder zumindest, was der LfV Bayern bereit ist, über sein Wissen mitzuteilen) und nicht nur durch den alljährlichen Verfassungsschutzbericht.

Im ersten Halbjahr geht es um Salafisten (wenig überraschend), Nazis und Rocker (für mich etwas mehr überraschend).

Die Schlapphüte warnen vor Syrien-Rückkehrern. Insgesamt sind aus Bayern nach Angaben des LfV 4o Personen ausgereist. Drei kamen in Syrien ums Leben – allerdings liegt dem Bericht die offizielle Bundeszahl 320 zu Grunde, die u.a. von Claudia Dantschke schon angezweifelt wurde. Zahlen sind in diesem Bereich naturgemäß schwierig zu erheben und immer mit viel Vorsicht zu genießen.

Die Warnung vor den Rückkehrern hat natürlich durch den Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel Nahrung erhalten, der mutmaßlich auf das Konto eines Rückkehrers geht. Sie werden (auf jeden Fall in Bayern) vornehmlich als Sicherheitsproblem wahrgenommen. Der Schwerpunkt des „Gemeinsamen Handlungskonzepts des Bayerischen Landeskriminalamts, des Bayrischen Landesamts für Verfassungsschutz und des Operativen Staatsschutzes der Bayrischen Polizei im Zusammenhang mit Reisebewegungen von Islamisten in terroristische Ausbildungslager oder zur Teilnahme am bewaffneten Jihad“ liegt in der Ausreiseverhinderung (bei Deutschen). Bei Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit wird geschaut, dass sie möglichst schnell aus Deutschland verschwinden – wenn ich die etwas verquastete Beamtensprache des LfV Bayern richtig verstehe (ein griffigerer Titel für das Handlungskonzept würde übrigens auch helfen).

Nun ist es auf jeden Fall ein Fehler, ehemalige Syrienkämpfer allein als Sicherheitsproblem zu definieren. Was wir (nach meinem Kenntnisstand) über das Verhalten von ehemaligen Foreign Fighter wissen, beruht vor allem auf einer vorläufigen Studie von Thomas Hegghammer. Ein Problem, mit dem wir uns beschäftigen müssen ist es auf jeden Fall. Hegghammer:

„[…] we are talking about the largest European Muslim foreign fighter contingent to any conflict in modern history. In fact, the number of European fighters in Syria may exceed the total number of Muslim foreign fighters from all Western countries to all conflicts between 1990 and 2010″ (Washington Post).

Das war im Dezember 2013. Die Zahlen sind weiter gestiegen. Wenn wir in Betracht ziehen, welche langfristigen Auswirkungen der Konflikt in Afghanistan hatte…

Trotzdem, aus Hegghammers früherer Studie geht hervor, dass nur ein kleiner Teil der Foreign Fighter nach ihrer Rückkehr Anschläge in ihrem Heimatland verübt/ verüben will. Das entkräftet nicht die notwendige Wachsamkeit der Sicherheitsbehörden, unterstreicht aber die Wichtigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes.

Besonders jugendlichen Rückkehrer muss bei der Wiedereingliederung geholfen werden. Von Fachkräften in der Präventionsarbeit höre ich immer wieder, wie wichtig dies ist. Die Rückkehrer haben oft traumatische Erfahrungen gemacht. Eine entsprechende Betreuung ist dringend erforderlich. Dieser Aspekt droht in der deutschen Debatte zunehmend unterzugehen.

Manchmal frage ich mich, ob das so ist, weil eben nicht (nur) „biodeutsche“ Jugendlichen betroffen sind, sondern die von „Ausländern“, auch wenn sie bereits in der vierten Generation Deutsche sind.

[Den Geschichts-Nerds sei ein Blick in die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs empfohlen. Die Spanien-Rückkehrer wurden damals mit einer ähnlichen Skepsis betrachtet, wie es jetzt bei den Syrien-Kämpfern der Fall ist – interessante Parallelen.]

Bild: Freedom House 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s