Was geht bei den Bremer Salafisten?

Ganz schön was los in Sachen Salafismus in Bremen. Syrienreisende und ein mögliches „Salafismusproblem“ an einer Schule haben in den letzten Wochen zu reichlich Berichterstattung geführt.

Lange hieß es, das kleinste Bundesland sei eine Insel, wenn es um Syrienreisenden geht. Im Herbst sagten Experten es gäbe nur zwei Fälle, später war von drei jungen Männern die Rede, die möglicherweise von Bremen aus nach Syrien gereist seien.

Allerdings sei unklar was die Männer dort machten, sagte mir damals Hans-Joachim von Wachter, der Chef des Bremer Verfassungsschutzes in einem Interview für den Weser-Kurier. Im März wurde die Identität der Männer bekannt.

Letzte Woche hieß es dann auf einmal: an einer Schule im Stadtteil Walle gibt es ein „Salafismusproblem“.

Bremer Syrienreisende

Ende Februar demonstrieren vor dem salafistischen Kultur und Familie (KuF) Verein (Masjidu-l-Furqan) in Bremen-Walle die Mütter von zwei jungen Männern, die nach Syrien gereist sind. Sie werfen dem Verein vor, ihre Söhne radikalisiert zu haben. Seitdem sie in den Verein gegangen seien, habe sich ihr Verhalten sowie ihr Äußeres massiv verändert. Die beiden waren ohne Ankündigung verschwunden und hatten auf ihren Facebook-Seiten jihadistische Videos verlinkt. Der KuF bestreitet die Vorwürfe auf seiner Webseite. Mit Radio Bremen wollte der Verein nicht reden.

André Taubert von der Bremer Beratungsstelle Kitab sagt, dass Jugendliche gar nicht mehr so stark von solchen Moschee-Gemeinden, wie dem KuF abhängen, sondern die Radikalisierung in erster Linie über das Internet und im privaten Rahmen geschieht. Eine Erkenntnis, die übrigens nicht neu ist. In Großbritannien weiß man das schon seit längerem und beschäftigt sich damit, wie die Propaganda der Jihadisten online bekämpft werden kann. Kitab berät die Eltern und Angehörige von Jugendlichen, die sich dem Salafismus angeschlossen haben.

Der KuF steht seit Jahren unter Überwachung durch den Verfassungsschutz. Der Verein ist international gut vernetzt und es ist wenig überraschend, dass sich Anhänger auf den Weg nach Syrien gemacht haben könnten.

Bremer Schule mit Salafismus Problem?

Vergangene Wochen ist dann wieder Alarm angesagt in Bremen. Am Schulzentrum im Stadtteil Walle rotten sich Salafisten zusammen, heißt es. Die Bild schreibt, Schüler fühlten sich von einer Gruppen islamistischer Mitschüler durch Propaganda und radikale Thesen unter Druck gesetzt. Frauen- und demokratiefeindlich Parolen wollen einige gehört haben. Insgesamt soll es sich um vier bis fünf Schüler handeln. Die Schülervertreter der Schule sehen das anders und gehen an die Presse. Es gäbe keine Salafisten an der Schule, alles sei friedlich. Auch habe niemand versucht, Mädchen dazu zu zwingen ein Kopftuch zu tragen, wie behauptet worden war.

Es lässt sich schwer einschätzen, wie groß das Problem in Walle tatsächlich ist. Die Zahlen liegen jedoch offensichtlich unter denen, die im Februar in Hamburg bekannt wurden. Von 15 betroffenen Schulen war damals die Rede. Vor allem die Stadtteilschule Mümmelmansberg gilt als Brennpunkt.

Im Interview mit Radio Bremen hat André Taubert von Kitab darauf hingewiesen, dass es bisher deutschlandweit nur vier Beratungsstellen wie Kitab gibt. Da sei noch Luft nach oben. Die vorhandenen Beratungsstellen hätten genug zu tun. Kitab deckt den ganzen norddeutschen Raum ab. Zwei Mitarbeiter teilen sich eine Stelle.

Unqualifizierte Forderungen schaden der Debatte

Im Zusammenhang mit der Schule in Walle wurde von verschiedenen Seiten gefordert, die „Rädelsführer“ von der Schule zu verweisen. Das ist natürlich Quatsch. Bei einer Gruppe von vielleicht fünf Schülern kann von einem unhaltbaren Problem keine Rede sein. Ob ein Jugendlicher schon ein Rädelsführer sein kann, ist auch eher fraglich.

Selbst wenn es sich hier um radikalisierte Jugendliche handeln sollte, ist das keine Lösung. Die sozialen Kontakte außerhalb der extremistischen Szene sind der wichtigste Kanal, um ein weiteres Abdriften und Radikalisierung der Jugendlichen zu verhindern. Nur so bekommen diese weiterhin alternative Ansichten und Vorstellungen präsentiert. Und nur so eröffnet sich für Eltern und Sozialarbeiter die Möglichkeit, die Jugendlichen wieder aus der Szene zu holen.

Selbstverständlich müssen der Verfassungsschutz und Staatsschutz unabhängig von der Arbeit der Beratungsstelle prüfen, ob Verbindungen zu den organisierten Salafisten bestehen. Im konkreten Fall einer geplanten Ausreise nach Syrien müssen die Behörden dann auch eingreifen. Allein schon um zu verhindern, dass Minderjährige in einen bewaffneten Konflikt aufbrechen. Teilweise ist so ein Eingreifen von den betroffenen Eltern dann auch gewünscht.

 

Nachtrag: Am Montag hat die Polizei in Bremen die Wohnungen von sieben mutmaßlichen Salafisten durchsucht. Die Beamten stellten zahlreiche Gegenstände sicher und zogen die Pässe der Männer ein. Nach Polizeiangaben wollten sie möglicherweise demnächst nach Syrien reisen.

Korrektur: Im Text hieß es vorher die Mütter hätten Anfang März in Bremen demonstriert. Das war falsch. Ich danke für den Hinweis.

 

Bildquelle: Ralf Prokop

 

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