Jihadismus 2.0 – Die Auferstehung

Die jihadistische Bewegung hing in den Seilen, die Antiterroroperationen der USA hatten al-Qaida massiv unter Druck gesetzt. Die letzten Angriffe der Bewegung waren – so dramatisch sie waren – nicht mehr als ein Zucken. Der Arabische Frühling entzog weiteren Boden. Eines der Grundargumente der jihadistischen Strömung war es immer gewesen, dass die autoritären Staaten des Nahen Ostens nur mit Gewalt zu stürzen seien. Mit dem Arabischen Frühling stand dies plötzlich in Frage. Viele Analysten und Experten waren sich einig: Die Totenglocke läutete laut für die Idee des bewaffneten Kampfes. Doch dann kam alles anders.

Free Syrian Army fighters swear to the Qur'an, to fight against
Bruce Hoffmann hat in seinem gerade erst erschienen Artikel Al Qaeda’s Uncertain Future geschrieben, dass der Abgesang auf al-Qaida verfrüht war. Man muss ihm nicht in allen seinen Argumenten folgen, aber Hoffmann weist auf eine wichtige Entwicklung hin: der Jihadismus ist wieder da.

Syrien

Der Aufstand der syrischen Bevölkerung begann in Form von friedlichen Demonstrationen und der Forderung nach Demokratie und Bürgerrechten. Unter dem brutalen Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte entwickelte sich daraus eine bewaffnete Rebellion. Im Verlauf der Zeit hat der Konflikt immer mehr religiöse Untertöne erhalten. Dabei spielte der Zugang zu Ressourcen eine gewichtige Rolle. Da vor allem Katar und Saudi Arabien Waffen und Munition zur Verfügung stellten, gewannen extremistische Gruppen an Einfluss. Zunächst säkulare Gruppen begannen ebenfalls sich religiös zu geben um in den Genuss dieser Unterstützung zu kommen (vrgl. International Crisis Group Middle East Report Nr. 131). Mit dem direkten Eingriff durch den Iran und Hizb’allah stehen sich nun in Syrien sunnitische und shiitische Fraktionen gegenüber. Der Konflikt wird von beiden Seiten mit äußerster Brutalität betrieben (vrgl. International Crisis Group Middle East Report Nr. 143).

Für sunnitische Jihadisten ist Syrien ein wichtiger Anlaufpunkt geworden. Der Konflikt entspricht viel mehr dem „klassischen“ Jihad Verständnis, dass noch während des Krieges gegen die Sowjetunion in Afghanistan vorherrschend war. Diese Denkschule steht in der Tradition der Guerillakämpfe und sieht die Gewalt gegen Feinde als legitim an, die Muslime in ihren eigenen Ländern unterdrücken. Der Krieg in Syrien zieht mittlerweile Kämpfer aus der ganzen Welt an. In Europa sind die Behörden alarmiert und haben begonnen die Massnahmen gegen Netzwerke durchzuführen, welche Kämpfer nach Syrien schicken. Während manche zum Kämpfen nach Syrien gehen, sind viele auch in humanitärer Mission unterwegs. Auch deutsche Islamisten zeigen auf Facebook Bilder davon wie sie Hilfsgüter nach Syrien liefern. Laut der WELT haben hessische Behörden eine „Besondere Aufbauorganisation (BAO)“ eingerichtet um die Strukturen zu ermitteln. Im Januar ging das Innenministerium in NRW davon aus, dass ca. 40 Personen aus Deutschland nach Syrien gereist sind um sich an den Kämpfe zu beteiligen. Im Juli sprach Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich von ca. 60 Personen. Insgesamt sollen in Syrien bis zu 5,500 Ausländer auf der Seite der Rebellen kämpfen. Davon sind Schätzungen zufolge 7-11% Europäer (vrgl. ICSR Insight: European Foreign Fighters in Syria). Am 22. Juli wurde in den Niederlanden eine Neunzehnjährige festgenommen da sie im Verdacht steht Kämpfer für Syrien angeworben zu haben. Im Mai sagte einer der einflussreichsten sunnitischen Prediger Yusuf al-Qaradawi, dass alle sunnitischen Männer mit militärischer Ausbildung, nach Syrien gehen sollten um dort gegen das Regime zu kämpfen. Durch die Legitimation eines Klerikers, wie al-Qaradawi hat der Konflikt das Potential bekommen sich vollständig religiös zu polarisieren und auch auf andere Länder in der Region auszuweiten. In den vergangenen Wochen ist ausserdem ein Konflikt innerhalb der Rebellen ausgebrochen. Säkulare stehen gegen jihadistische Gruppen. Um die Lage noch komplizierter zu machen gibt es vermehrt Hinweise, dass es Spannungen zwischen den beiden grossen jihadistischen Gruppen al-Nusrah und Islamic State of Iraq and the Levant (ISIL) gibt, nachdem ISIL versucht hatte die Kontrolle über al-Nusrah zu beanspruchen. Al-Nusrah siehst sich allerdings unter direkter Führung von al-Qaidas Ayman al-Zawahiri. Beide Organisationen sind in eine Auseinandersetzung mit kurdischen Kämpfen im Nordosten Syriens geraten.

Irak

Eng verknüpft mit dem Konflikt in Syrien ist die Situation im Irak. Durch die Erklärung eines Islamischen Staates Irak und Levante (ISIL) hat sich der irakische al-Qaida Flügel direkt in den syrischen Konflikt involviert. Währenddessen steigt die Zahl der Toten im Irak. Im Juli wurden 638 Personen getötet, 1445 verletzt. Beobachter sehen darin ein Wiederaufleben des religiösen Konflikts zwischen Shiitien und Sunniten. Dem shiitischen Ministerpräsidenten wird vorgeworfen, dass er den Staat in ein autoritäres Regime wandelt (vrgl. Iraq: From War to a New Authoritarianism) und damit die sunnitische Minderheit im Land an dem Rand drängt. In 2005/2006 hatten die Sunniten sich von al-Qaida abgewannt und der Demokratie eine Chance gegeben. Es scheint so, als würde sich dieser Prozess nun umkehren. Am 22. Juli griffen Bewaffnete das Abu Graib Gefängnis in Bagdad an und befreiten mehrere hundert Insassen (darunter wohl zahlreiche Jihadisten/al-Qaida Mitglieder). Ein Hinweis darauf, dass al-Qaidas Einfluss im Irak wieder steigt. Die Befreiung könnte auch Auswirkungen auf Syrien haben. In der Vergangenheit sind bereits Kämpfer aus dem Irak in das Nachbarland gegangen um hier gegen Assad zu kämpfen.

Ägypten

Am 3. Juli putschte in Ägypten das Militär. Bereits kurz danach kam Yassin Musharbash zu dem Schluss, dass das Scheitern des demokratischen Experiments in Ägypten vor allem der jihadistischen Fraktion des politischen Islam nutzen werde. Die Absetzung werde Teile der Muslimbruderschaft radikalisieren. Das Problem – auf das Yassin hinweist – ist, dass der politische Islam, als Bewegung nicht einem einzigen ideologischen Weg folgt. Die Gewaltfrage (genau wie viele andere Fragen) wird seit langem diskutiert und verschiedene Strömungen haben ganz verschiedene Antworten gefunden (vrgl. Self-Inflicted Wounds. Debates and Divisions within al-Qa’ida and its Periphery). Diese diversen Strömungen stehen in Konkurrenz zu einander, auch um neue Rekruten und Ressourcen. Die Muslimbruderschaft hat schon immer argumentiert, dass der Weg nicht über bewaffnete Gewalt führt sondern durch einen Prozess der gesellschaftlichen Veränderung, der politisch erfolgt. Al-Qaidas heutiger Führer Ayman al-Zawahiri – selbst Ägypter – gehörte lange einer Organisation, die einen anderen Weg wählte: al-Jihad. Al-Jihad versuchte die ägyptische Regierung mit bewaffneter Gewalt zu stürzen, bevor sie unter massiven Druck geriet und sich zum Teil al-Qaida anschloss. Das Argument war, dass sich die autoritären Regime im Nahen Osten und in Nordafrika nur durch Gewalt beseitigen lassen würden. Gruppen die diese Position vertreten haben nun den Beweis, dass der friedliche Weg niemals möglich sein wird. Ob die Menschen dieser Argumentation folgen ist eine Frage, die sich erst in den nächsten Monaten wird beantworten lassen. Allerdings gibt es bereits Hinweise, dass die Situation in Ägypten aus dem Ruder laufen könnte. Besonders auf dem Sinai gibt es seit 2011 verstärkte Aktivitäten von Jihadisten, die sich Kämpfe mit den dortigen Sicherheitskräften liefern und immer wieder eine wichtige Gaspipeline zwischen Kairo und Jordanien beschädigt haben. Die Gewalt hat seit dem Sturz von Präsident Mursi zugenommen. Seit Anfang diesen Monats sind mehr als 20 Tote zu beklagen. Es gibt etliche Hinweise darauf, dass sich hier jihadistische Organisationen festgesetzt haben. 

Und es scheint nicht so, als würde die Gewalt sich auf die Sinai Halbinsel beschränken. Am 24. Juli kam es zu einem Bombenanschlag in der Stadt Mansoura im Nildelta. Der Anschlag, der sich anscheinend gegen Sicherheitskräfte richtete, tötete einen Soldaten und verletzte 29 Menschen. Am vergangenen Freitag ist die Lage weiter eskaliert. Sicherheitskräfte sollen über 100 Anhänger der Muslimbruderschaft erschossen haben (Gute Analysen über die Situation in Ägypten nach Mursi gibt es hier). Am Samstag stießen Armeeeinheiten auf den Sinai vor, um hier die Ordnung wiederherzustellen.

Es besteht die Gefahr, dass der bevölkerungsreichste Staat der arabischen Welt in einen Bürgerkrieg abrutscht. Die Auswirkungen für den Rest der Region wären nicht abzusehen. Man kann davon ausgehen, dass Jihadisten hier ebenfalls eine gewichtige Rolle einnehmen würden.

Man könnte an dieser Stelle auch noch über Vorgänge in Tunesien, Libyen und Mali schreiben. Es gibt auch hier genug Hinweise auf jihadistische Gruppen.

Unter dem Strich: jihadistische Gruppen, ihre Ideen und Aktivitäten werden uns noch einige Zeit begleiten. Der Nahe Osten und Nordafrika sind in eine Periode des politischen Übergangs eingetreten, die von anhaltender Gewalt begleitet ist. Jihadistische Gruppen werden daran ihren Anteil haben.

Bildquelle: Freedom House

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